Das Gleichnis von den Giftschlangen: Vier Schlangen und ein Floß zum anderen Ufer
Praxis

Das Gleichnis von den Giftschlangen: Vier Schlangen und ein Floß zum anderen Ufer

Āsīvisasuttaṃ

Ein Mann flieht vor vier Giftschlangen, sechs Mördern und Räubern, die Dörfer überfallen, gelangt an eine weite Wasserfläche und bindet ein Floß, um ans sichere Ufer überzusetzen – ein einziges Gleichnis, das die ganze Lehre umfasst.

8 Punkte

Im Āsīvisa Sutta des Saḷāyatana Saṃyutta erzählt der Buddha ein Gleichnis. Es gibt vier wilde Giftschlangen, und ein Mann erhält den Befehl, sie zu füttern, zu baden und zur Ruhe zu legen; wird eine von ihnen zornig, erwartet ihn der Tod oder tödliches Leiden. Voller Angst flieht er.

Man sagt ihm, fünf mörderische Feinde verfolgten ihn, und so flieht er weiter. Dann erfährt er von einem sechsten Mörder, einem vertrauten, der mit erhobenem Schwert dicht bei ihm lauert. Er flieht in ein leeres Dorf; jedes Haus, das er betritt, ist verlassen. Dann erfährt er, dass Räuber kommen, die Dörfer überfallen.

Er gelangt an eine weite Wasserfläche: Das diesseitige Ufer ist gefährlich, das jenseitige sicher, doch es gibt weder Boot noch Brücke. So sammelt er Gras, Stöcke, Zweige und Blätter, bindet ein Floß und setzt, mit Händen und Füßen strebend, ans jenseitige Ufer über. Der Buddha selbst erklärt die Bedeutung jedes Teils.

  1. 1

    Die vier Giftschlangen sind die vier Elemente Cattāro āsīvisā

    Die vier Giftschlangen sind das Erd-, Wasser-, Feuer- und Luftelement, aus denen der Körper besteht. Sie müssen jeden Tag gefüttert, gebadet und zur Ruhe gebracht werden, und wenn eines von ihnen gestört ist, kann es Krankheit oder Tod bringen.

    Anwendung im Alltag

    Wenn Sie krank sind, erinnern Sie sich, dass dies die Natur der Elemente ist, die Sie versorgen, und behandeln Sie sie angemessen, ohne in Panik zu geraten.

  2. 2

    Die fünf Mörder sind die fünf Aggregate Pañca vadhakā paccatthikā

    Die fünf mörderischen Feinde sind die fünf mit Ergreifen verbundenen Aggregate – Form, Gefühl, Wahrnehmung, Gestaltungen und Bewusstsein –, die, als Selbst festgehalten, Leiden bringen, wenn sie sich verändern.

    Anwendung im Alltag

    Wenn ein Gefühl oder ein Gedanke Sie verletzt, sehen Sie es als ein Aggregat, das entsteht und vergeht, nicht als Ihr ganzes Selbst.

  3. 3

    Der sechste Mörder ist Vergnügen und Begierde Chaṭṭho antaracaro vadhako

    Der sechste Mörder, der mit erhobenem Schwert dicht bei einem lauert, ist Vergnügen und Begierde (nandirāga). Er ist gefährlich, weil er in Gestalt dessen kommt, was wir mögen.

    Anwendung im Alltag

    Was uns in den Bann zieht, kommt selten als Feind; es kommt als kleines Vergnügen, auf das wir nicht verzichten können.

  4. 4

    Das leere Dorf sind die sechs inneren Sinnesfelder Suñño gāmo

    Das leere Dorf sind die sechs inneren Sinnesfelder. Wenn ein weiser Mensch sie durch Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist untersucht, erscheinen sie leer, ohne ein Selbst, auf das man sich stützen könnte.

    Anwendung im Alltag

    Wenn Sie hoffen, ein bestimmtes Gefühl werde eine dauerhafte Zuflucht sein, denken Sie daran, dass dieses Haus leer ist.

  5. 5

    Die Räuber sind die sechs äußeren Sinnesfelder Corā gāmaghātakā

    Die Räuber, die überfallen, sind die sechs äußeren Sinnesfelder – Formen, Klänge, Gerüche, Geschmäcke, Berührungen und Geistesobjekte, angenehme wie unangenehme –, die Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper und Geist bedrängen.

    Anwendung im Alltag

    Achten Sie darauf, wie viel Ruhe an Tagen geraubt wird, an denen Sie zu viele Nachrichten, zu viel Lärm und zu viele Bilder aufnehmen.

  6. 6

    Das große Wasser und das diesseitige Ufer sind die vier Fluten und die Identität Mahā udakaṇṇavo

    Die weite Wasserfläche sind die vier Fluten: Sinnlichkeit, Dasein, Ansichten und Unwissenheit. Das furchterregende diesseitige Ufer ist die Identität (sakkāya), das Festhalten an Körper und Geist als Selbst.

    Anwendung im Alltag

    Wenn sich das Leben unsicher anfühlt, schauen Sie, wie sehr diese Angst mit dem Festhalten an einem Selbst verbunden ist.

  7. 7

    Das Floß sowie Hände und Füße sind der Pfad und die Energie Kullo hatthehi ca pādehi ca vāyāmaṃ

    Das Floß ist der edle achtfache Pfad; mit Händen und Füßen zu streben heißt, Energie aufzubringen. Kein fertiges Boot und keine Brücke kommt, um Sie abzuholen; Sie binden das Floß und paddeln selbst.

    Anwendung im Alltag

    Fragen Sie sich heute: „Habe ich einen weiteren Strang an das Floß gebunden?“ – eine Tugendregel oder fünf Minuten Achtsamkeit.

  8. 8

    Das sichere jenseitige Ufer ist das Nibbāna Pāraṃ tīraṃ khemaṃ

    Das jenseitige Ufer, sicher und frei von Gefahr, ist das Nibbāna. Den, der übergesetzt hat und auf festem Land steht, nennt er einen Brahmanen, und damit ist ein Arahant gemeint.

    Anwendung im Alltag

    Ein klares Ziel bewahrt davor, mitten im Strom stehen zu bleiben. Schon bevor Sie ankommen, wissen Sie, in welche Richtung Sie paddeln.

Im Alltag ausprobieren

Dieses Gleichnis zeigt, wie die Lehren über Elemente, Aggregate, Sinnesfelder, Fluten und den Pfad zusammenpassen, statt getrennte Listen zum Auswendiglernen zu sein.

Sofort anwendbar ist der sechste Mörder, Vergnügen und Begierde – am gefährlichsten, weil er nahe bleibt und wie ein Freund aussieht. Und zum Übersetzen braucht es die eigenen Hände und Füße; niemand rudert herüber, um Sie abzuholen.

Die vier Elemente mit Giftschlangen zu vergleichen, lehrt keinen Hass auf den Körper. Es zeigt, dass der Körper ständige Pflege braucht und jederzeit krank werden kann, sodass man nicht nachlässig sein sollte.

Quellen im Tipiṭaka

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